Auszug aus dem vierbändigen Romanzyklus "Globale Nomaden" 2002 - 2015

 

An einem verregneten Sonntagmorgen im April des Jahres 1974 saßen Walter, Emilio und ich in unserer Wohnung in München beim Frühstück. Walter hatte am Vortag der Delikatessen-Abteilung bei Dallmayr einen Besuch abgestattet und diverse Leckereien mitgebracht: mit Krabben gefüllte Avocadohälften, griechische Oliven, Erdbeeren mit Sahne. Ein wenig angespannt saß Christina auf der Sofakante und nippte an ihrem Tee. Seit sie mitbekommen hatte, dass die unterste Schublade der alten Bauerntruhe randvoll mit Haschisch gefüllt war, fühlte sie sich sichtlich unwohl bei uns.

Drei Tage zuvor hatte ich Christina in einem Nachtclub namens Tiffanys in Torremolinos kennengelernt. Wir hatten die halbe Nacht durchtanzt und als ich ihr am Morgen anbot, mit mir nach München zu kommen, hatte sie nicht lange überlegt. Die spanisch-französische Grenze überschritt sie als Fußgängerin, eine überflüssige Vorsichtsmaßnahme, wie sich herausstellte: als dunkelhäutige Frau mit englischem Pass erregte sie zu Fuß nämlich mehr Misstrauen bei den Zöllnern als ich in meiner Citroen-Limousine. Außer Sichtweite des Grenzpostens von Le Perthus hielt ich an und es dauerte fast eine Stunde bis Christina endlich auftauchte. Um ihr das eigenwillige Prozedere bei der Einreise plausibel zu erklären, musste ich gestehen, dass im Wagen ein Zentner Haschisch versteckt war und dass ich hatte vermeiden wollen, dass sie im Falle einer Entdeckung Schwierigkeiten bekommen hätte. Schließlich waren die Franzosen auch damals schon fanatische Drogenkrieger, eingesoffene Alkoholiker, die uns Haschrauchern mit allen Mitteln den Spaß am Kiffen zu vermiesen trachteten. Zudem war mir zu Ohren gekommen, dass französische Richter schon mal zehn Jahre Knast austeilten, wenn sie einen Schmuggler überführt hatten.

Seit Christina also wusste, dass ich nicht der konventionelle Tourist war, für den sie mich anfangs gehalten hatte, sondern dass ich geschäftlich unterwegs war, war es mit der unbeschwerten Fröhlichkeit vorbei, mit der sie mir bis dahin die Reise durch Spanien erheitert hatte.

Dieses Gefühl der Anspannung hatte sich auch zwei Tage später noch nicht gelegt, als wir zusammen frühstückten. Christina hatte von dem Schnupperkurs ins Ganovenmilieu die Nase voll und mich am Morgen gebeten, sie zum Flughafen zu bringen. Walter und Emilio besprachen gerade, wie der Verkauf der Ware am besten zu organisieren sei, als es an der Haustür klingelte.

Walter warf mir einen fragenden Blick zu und flüsterte: „Erwartest Du jemanden?“

„Nicht dass ich wüsste. Schau halt mal nach.“

Auf leisen Sohlen, wie es seine Art war, schlich er zur Tür und spähte durch den Spion und was er dort sah, versetzte ihn in helle Aufregung.

„Die Bullen!“ flüsterte er aufgeregt. „Zwei Kerle in dunklen Lederjacken. Hundert Prozent die Bullen.“

Walter war ein Jahr zuvor bei der Bundeswehr getürmt und wurde seither als fahnenflüchtig gesucht. Sein Name stand auf der Fahndungsliste. Will heißen, er hatte es sich angewöhnt, umsichtig zu sein und im Laufe der Zeit ein Gespür dafür entwickelt, Polizisten in Zivil zu erkennen und ihnen aus dem Weg zu gehen.

Erneut schlug im Flur der Gong, diesmal ungeduldiger, dreimal in Folge. Kein Zweifel, so anmaßend klingeln bloß die Bullen. Wir hatten keine Zeit zu verlieren. Emilio sprang auf und war im Nu bei unserem antiken Ofen, einem hundert Jahre alten Schmuckstück, das eigentlich dazu diente, den Raum zu verzieren. Der Ofen verfügte über drei Klappen: durch die untere war einmal die Asche entsorgt worden, die mittlere war zum Befeuern da und in der oberen war Platz für einen Topf. Irgendwann hatte Walter entdeckt, dass sich der Ofen hervorragend als Waffenschrank eignete und fortan hatte er seine Kanonen dort deponiert. Vier Revolver und zwei Pistolen, allesamt illegal, allesamt geladen. Walter schnappte sich einen Trommelrevolver, Emilio warf mir eine Beretta zu, er selbst entschied sich für eine 38er Smith & Wesson. Walter gab flüsternd Anweisungen.

„Emil, du postierst dich hinter der Küchentür. Ich erwarte sie im Flur und du, Harry, holst sie in die Wohnung rein. Anschließend fesseln wir sie im Bad an die Armaturen, packen den Shit ein und verschwinden. Los jetzt, jeder auf seinen Posten! Lass sie rein, Harry!“

Es klingelte erneut. Mir blieb keine Zeit zum Nachdenken. Fest stand, dass wir fünfzig Kilo Haschisch im Haus hatten und dass zwei Polizisten vor der Haustür standen und Sturm läuteten. Fest stand außerdem, dass wir uns nicht kampflos ergeben wollten. Dann ging alles sehr schnell. Ich entsicherte die Pistole, ging zur Haustür und drückte die Klinke nach unten.