Für Karin Chava Roth

 

Ich bau dir ein Floß

aus Stille und Brennesselhaut

aus den Moosen der Frühe

ich binde mit Weiden

die Stämme einsamer Wälder

ich lasse ihnen hier und da 

noch Rinde, Zweig und Blatt

Vögel werden nisten auf dem Floß

und Fische und Schlangen sich grüßen

ich bau dir ein Floß

aus Händen, die helfen

aus Fingern, die flechten

dir den Mond ins Haar

ich bau dir ein Floß

aus singenden Felsen, aus singenden Stämmen

wo der Wind fängt sich im Echo der Nacht

ich bau dir ein Floß

aus der Frühe des Nebels

ich bau dir ein Floß

wo auch der Irre Platz hat

und der Rauch aus ganz

verkohlter Asche

ich bau dir ein Floß

wo der Schiffer nicht mehr Angst hat

zu zerschellen

wo Ufer und Strom eins sind

wo du gehst durch die Wellen

durch die Inseln hindurch

in den Fels

wo die Möwen

mit den Fischen im Mund

tanzen auf schaukelnden Wellen

wo die Ruderblätter still

den Nachen treiben lassen

in den Tod

ich bau dir ein Floß

wo du und ich

eins sind

wo wir uns finden

auf den Stufen des Schlafs

wo wir uns küssen

im Schweigen des Steins

in der fliegenden Muschel

über Meere hin

ich bau dir ein Floß

aus der Zartheit des Gras

aus der schneidenden Schärfe des Schilfs

ich bau dir ein Floß

aus der Stärke des Stroms

aus der Leichtheit der Wellen

da werden wir fliegen dahin

und fahren zu uns selber

und merken wo immer wir sind

da war schon ein ich und ein du

 

 

 

2001 aus dem Zyklus

Floß aus zweitausendundeiner 

Nacht

Friedrich G. Paff