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Lesung der „Lesebühne Schiefertafel im Rheintheater

Bacharach (red). Dunkel der Raum, hell erleuchtet die Bühne mit dem berühmten schwarzen Hintergrund der Bühne des Bacharacher Rheintheaters, im Vordergrund die junge Saxophonistin Nina Seipel mit ihrem goldfarbenen Instrument und den schwermütig-rauen Melodien, die sie ihm entlockte: So erlebten die den Zuschauerraum füllenden Besucher die ersten Minuten der Abendveranstaltung der „Lesebühne Schiefertafel“. Nina Seipel, 16 Jahre junge Schülerin am Gymnasium St. Goarshausen, bezauberte mit Können und natürlichem Charme den ganzen Abend lang das Publikum.

Johannes Aufgebauer, mit Herz und Seele Bacharach verbundener Namensgeber der „Lesebühne Schiefertafel“ („Wir leben auf Schiefer, wir schreiben auf Schiefer“) eröffnete den Abend mit Gedichten rund um Schiefer, Burg Stahlberg und St. Anna. Sein Thema: Wie schwer doch der bevorstehende Abschied vom liebgewordenen, vertrauten „Bacharach“ fällt! Eine Hommage an Bacharach, eine persönliche Herzensangelegenheit.

Ganz anders die Texte der Jutta Zibilla aus Bingen, dem „Kontaktkind“ der Familienmit-glieder diesseits und jenseits der unsäglichen innerdeutschen Grenze: Erinnerungen an ein kleines Mädchen, das – zehnjährig – als permanente „Grenzgängerin“ das „Diesseits“ und das „Jenseits der Mauer“ live erlebte. Vergangenheit, die sie berührt, setzt sie um in Literatur und Kunst, und sie vergisst dabei nicht den alterslosen Wesenskern lebendig fühlender Menschen: Erotik.

Natur und das, was wir im Schieferland daraus machen, berührt die durch ihre Gedichtbände bekannte Hunsrückerin Gisela Kassel. In ihren Gedichten erinnert sie an die Verbindung von Seele und Natur, an die Notwendigkeit von Natur für das seelische Überleben des Menschen. „Wenn die Seele weint“ – ist Windkraft, Umweltzerstörung Macht-und Gewinnstreben kein guter Ratgeber. ein Lächeln vielleicht schon?

Ina Kratz, 17 Jahre alt und Schülerin  der Paul-Schneider-Realschule Plus in Sohren-Büchenbeuren, präsentierte sich als Newcomer mit ihrem Text „Sag mir, reines Blumenmeer“ so scheu wie selbstbewusst, so zart wie schrill, so jugendlich charmant wie stilistisch gekonnt. Sie führte das Publikum an der Hand eines „lieblichen Mädchens“ durch das Grau(en) des Krieges.

Realer Krieg mit seinen zerstörten Lebensgeschichten berührt auch die profilierte Hunsrücker Autorin Margret Drees. Unsentimental und gerade deshalb atemberaubend las sie die Geschichte dreier Männer aus ihrem Leben: Der Mann, der ihr Großvater hätte werden können, kehrte 1918 im Zinksarg zurück nach Hause; der Mann, der ihr Vater werden wollte, fiel in Russland. Ihr Bruder fand einen „modernen Krieg“ zum Sterben.

Das Schicksal des kleinen Mühlenspitzes, der am 5. August 1875 das Leben seiner Familie rettete, als der Hahnenbach toll wurde, nach Kirn hinunter raste, dort die Brücke zum Einsturz brachte, vorher sämtliche Mühlen im Tal zerstörte und 36 Menschen mit sich in den Tod riss, berührte nicht nur zeitlebens die elfjährige Müllerstochter Margarethe Klingels, sondern auch die Hunsrücker Autorin Leona Riemann.

Die Spannung stieg, als Hubertus Becker die unglaubliche Geschichte der Zufallsbegegnung zwischen einem Wanderarbeiter und einem Wanderprediger erzählte. Eine Begegnung, die beide mit ihrem bisherigen Leben bezahlen würden: Für den Einen bedeutete die Begegnung den Tod, für den Anderen das Verschwinden im Gefängnistrakt für Schwerverbrecher. Eine Geschichte, fulminant erzählt, voller Widersprüche und voll hintergründiger karmischer Weisheit, die selbst ein Kopfschütteln nicht mehr zulässt.

Fehlt noch, was den Beller Sprachkünstler Hilarion Hartmann bewegt: 20 Jahre lange Vergangenheit als Inhaber eines esoterischen Buchladens haben ihre Spuren hinterlassen. Satirisch brillant bittet Hartmann sein Publikum: „Hereinspaziert“, um es dann auf listige Art und Weise szenisch perfekt mit Kristallkugeln, Zimbeln und Kerzen auf sich selbst zurückzuführen.