Mittelalterliche Streiflichter

Die Schiefertafel las am Sonntag im Haus Sickingen in Bacharach

 

Anlässlich des Tages des Denkmals am 10. September nahmen im Bacharacher Haus Sickingen Autorinnen und Autoren der Lesebühne Schiefertafel passend das Mittelalter ins Visier. Vergangene Epochen sind bekanntlich weitgehend Erfindungen der Nachgeborenen, zu denen Zeitdokumente bisweilen allenfalls Materialien liefern. Nicht zeitgemäße populistische Faktenignoranz allerdings motivierte die Autoren der Schiefertafel zu ihren subjektiven Schilderungen mittelalterlichen Lebens: Vielmehr ist es die Freiheit der literarischen Fiktion, die den Geschichten – um, der Hexerei verdächtigte, Heilkundige, um abgefeimte Schurken, ruchlose Gesellen und wählerische Jungfern, Hexen und Teufel  – einen märchenhaften Ort zwischen erdgebundener Faktizität und luftleichter Geistigkeit zubilligt. Helga Andrae (Bacharach), als Hexe Helgunde, führte die Gäste der gut besuchten Veranstaltung vermittels leichtfüßiger Anmoderation, mal zur Gitarre singend, mal grob reimend, in den Abend und von Beitrag zu Beitrag. Josef Peil (Mastershausen) legte, als einziger der Autoren übrigens, Wert auf einen Vortrag im authentischen Hunsrücker Platt, das in den Gedichtvorträgen von Gisela Kassel (Benzweiler) allenfalls noch als mundartliche Färbung durchschimmert, in den Reimbeiträgen der zugereisten Sachsen Hilarion Hartmann (Bell) und Helga Andrae verständlicherweise nicht vorkommt. Einzig die sich eher wie historiographische Zeitrecherchen lesenden Prosavorträge von Margret Drees (Rheinböllen), die einen mittelalterlichen Auftragskünstler sozusagen den Teufel an die Wand malen lässt, und Anette Dodt (Kaub), die ein Geschwisterpaar ein Lebenselexier erfinden lässt und hochnotpeinlichen Hexenprüfungen aussetzt, scheinen sich dem Hang zum Märchenhaften zu widersetzen. Insofern Hilarion Hartmann krankheitsbedingt kurzfristig ausfiel, mussten vermittels seitens Helgundes angewandter Hexenkunst zwei Anwesende aus dem Publikum in Trance versetzt und dazu bewegt werden, Hilarions Beiträge so gekonnt vorzutragen, als läse dieser selbst. So haben ein von der „ebsch“ Seite kommende Gast  und ein Berliner, der sich bei genauerer Nachfrage als sächsischer Copatriot erwies, die  improvisierten Texte so meisterlich gelesen, als habe man sie geprobt.

Das Mittelalter dauerte als Frühes, Mittleres und Spätmittalter von etwa 750 bis 1500, so dass der in eine der Geschichten hineinzitierte gelahrte Herr Doktor Martin Luther, wenn man es streng sieht, dort nichts mehr verloren hätte, schützte ihn und das Histörchen nicht eben auch jener milde Kunstvorbehalt. Der überaus kurzweile Abend dauerte lediglich von 18.15  bis annähernd zwanzig Uhr, so dass ein gut unterhaltenes Publikum, sofern vom Ort, rechtzeitig zur angewandten Faktentreue der Tagesschau zu Hause war.

                                                                                                                      Dr. Wolfgang Dahlke